Unser Blog zum Thema
Selbstführung

Der direkte Weg zum mentalen Zustand Verantwortung


Wir werden von Kursteilnehmer:innen immer mal wieder gefragt, ob es denn nicht für das Erreichen des mentalen Zustands Verantwortung (siehe Blogpost mit Erläuterung der Zustände) DEN EINEN Weg, eine „Silver Bullet“ oder die „Best Practice“ gäbe. Zunächst einmal finde ich das Bedürfnis hinter der Frage nachvollziehbar, denn wenn man verstanden und gespürt hat, wie frei, klar und handlungsfähig man im mentalen Zustand Verantwortung ist, will man sich möglichst oft darin aufhalten und fragt nach dem ultimativen Tipp.


Ich kenne so einen schnellen, direkten Weg. Ja, wirklich! Ich verrate ihn gern, will aber die große Erwartung einer Wunderpille vorab direkt dämpfen: Denn diesen Weg leicht und schnell und oft einschlagen zu können, will geübt sein, da es dafür eine tiefgreifende Umprogrammierung einer starken kulturellen Prägung braucht.


Was wir nämlich früh im Leben lernen, ist das Einteilen der Welt in gut/schlecht und richtig/falsch. Kinder lernen schnell von den Erwachsenen, was „man zu tun und zu lassen hat“. Wenn man sich das genauer betrachtet, fällt jedoch auf, dass so eine Bewertung in ihrer Pauschalität einfach nicht wahr ist. Was ist schon objektiv zu 100% gut oder schlecht? Das veranschaulicht eine in diverser Literatur vorkommende Geschichte, die ich in diesem kurzen Video wiedergebe:


Nachdem ich die Problematik mit dem Bewerten ungefähr verstanden hatte, habe ich sofort bewertet: „Bewerten ist also schlecht!“. Oops, I did it again! Weil ich ein Mensch bin und weil es uns oft dient oder mindestens mal gedient hat. Denn Bewerten ist sehr praktisch, um schnell mit dem Überforderungsgefühl, das in unserer komplexen, unverständlichen, vielleicht auch ungerechten Welt leicht entstehen kann, zurechtzukommen, und ein gewisses Maß an Klarheit für sich herzustellen. Dieser Bewältigungsmechanismus kommt allerdings zu einem Preis: Die Schwarz-Weiß-Kategorisierung führt dazu, dass ich nicht weiterdenke als bis zur Frage „Was muss ich denn jetzt tun?“. Solange ich also in schwarz-weiß durchs Leben gehe, schaffe ich es höchstens bis zum mentalen Zustand Verpflichtung. Doch wie kann ich die Welt bunter sehen? Oder anders gefragt:


Wie lasse ich das Bewerten sein?

Dinge sein zu lassen, fällt uns oft schwer. Unser Gehirn kann mit dem Wort „nicht“ nicht gut umgehen („Denken Sie nicht an rosa Elefanten!“). Effektiver ist es, die geistige Aktivität oder die Haltung des Bewertens durch etwas anderes zu ersetzen. Hier drei Vorgehensweisen, die ich bisher angewendet habe, um weiterzudenken und eine Haltung des Erforschens einzunehmen:

  • Ich korrigiere meine Sprache, wenn ich mich beim Bewerten erwische – sei es in Gedanken oder ausgesprochen. So mache ich bestimmte Aussagen heute viel seltener, indem ich sie durch andere ersetzt habe:

Pauschal bewertende Aussage...

...ersetzt durch subjektives Einordnen:

„Das ist gut“

„Das gefällt mir“

„Das stimmt nicht“

„Ich stimme nicht zu“

„Das ist falsch“

„Für mich funktioniert das nicht“

„So macht man das nicht“

„Ich will das so nicht machen“

​„So gehört sich das doch“

„Das ist EINE Perspektive“

​„Das ist schlechtes Verhalten“

„Mir erscheint das nicht nützlich“

  • In Situationen, in denen Dinge schief laufen, nehme ich Tempo raus, atme durch und versuche, die in mir aufkommenden Emotionen da sein zu lassen und lediglich wahrzunehmen. Das verschafft mir den Raum (siehe Blogpost zum Raum zwischen Reiz und Reaktion), für folgendes Gedankenspiel: „Aus wie vielen Blickwinkeln kann ich auf diese Situation schauen? Wie viele Sichtweisen gibt es wohl dazu?“. Das zieht mich emotional etwas aus der Situation, ich werde zur Beobachterin statt Betroffene zu bleiben. Erstaunlich oft hilft mir dabei ein Songtitel der Band Deichkind, um meinen Bewertungsautomatismus zu durchbrechen:

Das Lied „Wer sagt denn das?“ (und auch das Video) bringt mich außerdem zum Schmunzeln, und Humor ist ebenso ein effektives Mittel, um sich von einem Problem zu distanzieren, also Raum für eine wirkungsvolle Reaktion aufzumachen.

  • Bei jedem „gut“ oder „schlecht“, das ich von meiner inneren Stimme höre oder ausspreche, stelle ich mir die Frage: „Gemessen an was? Nach welchem Maßstab?“. So kann ich den Bewertungsimpuls für eine spannende Betrachtung nutzen und meine Ablehnung oder meine Zustimmung besser verstehen. So finde ich mehr Klarheit für mich und kann mir neue konkrete Absichten setzen.


Warum führt „erforschen statt bewerten“ direkt zu Verantwortung?

Der Responsibility Process beginnt ja in mir, wenn ich auf ein Problem treffe. Als Problem definieren wir in diesem Kontext die Diskrepanz zwischen Ist- und Wunsch-Zustand (ich habe nicht, was ich will oder will nicht, was ich habe) PLUS einer emotionalen Reaktion wie Ärger, Trauer, Wut oder Angst. Diese Gefühle entstehen dadurch, dass ich bewerte. Beispiel: Mein Fahrrad wird geklaut. Diese Tatsache sortiere ich direkt als Pech/schlecht/falsch/darf nicht sein ein, und deshalb werde ich wütend oder bin traurig. In Folge beschuldige ich die Täter, rechtfertige die Situation oder mich, schäme mich und überlege mir, welches Schloss ich mit dem nächsten Fahrrad kaufen muss, damit mir das nicht wieder passiert. Die Frage, was ich eigentlich will in dieser Situation, kommt gar nicht auf, sodass ich unterhalb der Linie in mentalen Zuständen von Nicht-Verantwortung steckenbleibe.

Wenn es mir gelingt, den Diebstahl nicht zu bewerten, sondern zu sagen „Es ist wie es ist. Was jetzt?“, dann gelange ich in den mentalen Zustand Verantwortung. So bin ich frei, klar und immer handlungsfähig.

Hohe Kunst? Na klar! Wie werde ich Künstler? Üben, üben, üben!

Wie praktisch, dass das Leben uns soviel Übungsmaterial an die Hand gibt: Jedes Ärgernis ist eine Gelegenheit für dich, alte Reaktionsmuster auf die Probe zu stellen und zu lernen, wie du erforschst statt zu bewerten.


Dabei wünsche ich dir viel Erfolg!


(Mehr über diesen Mechanismus erfährst du übrigens in unserem »Intensivkurs Responsibility«)


Führe dich selbst zuerst!